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Sketch zwischen Dr. Reinhard Witte (RW) und Dr. Heinrich Schliemann (HS)

auf der Grünen Woche in Berlin
am 17. Januar 2004

Am 17. Januar 2004 fand im Rahmen der "Grünen Woche" ein Ländertag Mecklenburg-Vorpommerns statt, für den diesmal der Landkreis Müritz zuständig war. Vom Landratsamt kam die Anfrage, ob ich bereit wäre, auf kurzweilige Art das Heinrich-Schliemann-Museum auf dieser Veranstaltung vorzustellen. Ich sagte sofort zu, und das hatte auch seinen Grund: Vor etwa zwei Jahren blickte ich während eines Schliemannvortrags in Berlin vom Pult in den Zuschauersaal und sah ihn: Heinrich Schliemann, wie er sich auf einem Foto aus dem Jahre 1880 zeigte. Schliemann hieß nun Reinhold Schäfer (75) und war und ist – welch ein Zufall! – Schauspieler. Sofort wusste ich, mit diesem Mann muss ich einmal etwas zusammen machen. So kam die Anfrage gerade richtig. Ich setzte mich hin, schrieb einen Sketch, den ich dann mit Herrn Schäfer an diesem Tag zweimal aufführte – zwischen den Auftritten des Penzliner Hexenchors, Tanzgruppen sowie Willi Freibier und vor Eisbein, Bier und Schnaps verschlingenden Massen an Besuchern. Ich glaube, wir kamen gut an, doch sollen das andere bezeugen. Hier nun der Wortlaut des Sketches:

(Voraussetzung für ein besseres Verständnis des folgenden Sketches ist, dass zuvor schon ein kurzes Gespräch zwischen dem Moderator der Veranstaltung und dem Leiter des HSM stattgefunden hat und auch danach noch ein wenig Zeit bleibt, auf das in der Szene Gesagte einzugehen)

(HS kommt überraschend auf die Bühne)

RW

(erstaunt, unsicher) Was ist denn das? Herr Schliemann?

HS

(bestimmt) Doktor Schliemann, Doktor Heinrich Schliemann, der Entdecker Trojas!

RW

(begütigend) Entschuldigen Sie! Ja, natürlich, Herr Doktor Schliemann. Sie erhielten, ich weiß, im Jahre 1869 von der Rostocker Universität den Doktortitel für ihr erstes archäologisches Buch "Ithaka, der Peloponnes und Troja".

HS

Von der Universität meines geliebten Mecklenburgs und - (stolz) in der französischen Fassung, mein Herr.

RW

"Ithaque, le Péloponnèse, Troie". Französisch ist eine von knapp 20 Fremdsprachen, die Sie sprachen. Aber, lieber Dr. Schliemann, was machen Sie hier? Wo kommen Sie her? Sie sind seit 113 Jahren tot!

HS

Ich finde seit Jahrzehnten keine Ruhe mehr. Mich treibt es aus meiner Athener Gruft umher. Man will mir meine Verdienste absprechen. Entdecker Trojas soll ich nicht sein, Funde gefälscht, hier und dort gelogen haben. (fast verzweifelt) Hört das denn niemals auf. Ich habe für die Menschheit (wütend) mit meinem Geld neue Welten ...

RW

(fällt ins Wort) ... die trojanische und die mykenische und beinahe noch die minoische ...

HS

(nimmt seinen Faden wieder auf) ...neue Welten, neue Kulturen entdeckt. Und was ist der Dank dafür: Hohn, Spott, Kritik.

RW

Na, so stimmt das aber nicht.

HS

(hysterisch, nachäffend) Stimmt aber so nicht, stimmt aber so nicht. Zu meinen Lebzeiten lachten die meisten Professoren über mich, weil ich Homer ernst nahm, nach einem Ort suchte, der vom Erdboden verschwunden war. ...

RW

(fällt ins Wort) ...Sie wollten die Realität von antiken Geschichten mit Hilfe des Spatens beweisen! ...

HS

(freudig, anerkennend) Richtig! Und als ich mein Troja gefunden habe, ...

RW

(hüstelnd) Hmh, Hmh.

HS

(schaut RW von der Seite etwas ärgerlich an) ... kritisierte alle Welt einmal dieses, einmal jenes. Der "Schatz des Priamos" hätte niemals dem letzten trojanischen König gehört, die ausgegrabenen Mauern wären zu winzig, alle Funde wären viel älter und hätten nichts mit Homer zu tun. Ach! (wischt mit einer Handbewegung weitere Vorwürfe beiseite) Später dann, 1876 in Mykene, hätte ich gar nicht die Gräber der homerischen Helden entdeckt. Ich höre immer noch den beißenden Spott im "Kladderadatsch":
"Aus Argos. Herr Schliemann hat in Argos jetzt auch den Körper des Agamemnon aufgefunden. An demselben findet er besonders bemerkbar die 32 schönen Zähne, den runden Kopf und die großen Augen. Die Augen anlangend, würde das wieder stimmen. Mußte nicht Agamemnon, als er von Herrn Schliemann ausgebuddelt wurde, unwillkürlich große Augen machen?"

RW

(lacht) Lustig ist auch Ihr angebliches "Telegramm aus Troja - Grab Achills aufgedeckt. Achill gefunden. Von Virchow erkannt an Ferse. Körper Achills bis auf Ferse fehlend. Achill in Tasche gesteckt. Alle gesund." Oder (lacht wieder) das vom "Kladderadatsch" fingierte Telegramm aus Mykene vom "16. December, 1 Uhr 25 Min. Triumph! Wir haben auch die Hörner gefunden, welche Helena ihrem Gatten, Menelaus dem Guten, aufgesetzt und welche dieser während des Krieges seinem Bruder zur Aufbewahrung übergeben hatte."

HS

So, lustig nennen Sie das.

RW

(begütigend) Aber, Herr Schliemann ...

HS

...Doktor Schliemann ...

RW

... aber Herr Doktor Schliemann. Sie haben so viel in ihrem Leben erreicht: Sie waren ein hervorragender Geschäftsmann in Russland und auch in Amerika. Sie haben durch Fleiß und sicher auch einem Quäntchen Glück ein unermessliches Vermögen erworben, Sie haben als Reisender die ganze Welt gesehen, Sie sind ein Sprachgenie, Autor von 12 Büchern und zahllosen Aufsätzen und Artikeln und - auch wenn Sie viel Lehrgeld zahlen mussten - letztendlich ein berühmter Archäologe.

HS

Jawohl! - Aber nennen Sie das auch noch lustig, wenn mir Schliemannforscher seit über 30 Jahren wieder große Vorwürfe machen, manche versteigen sich gar dazu, mich einen pathologischen Lügner zu nennen.

RW

(HS zur Seite nehmend, verschwörerisch) Aber lieber Dr. Schliemann, unter uns, Sie haben doch wirklich nicht immer die Wahrheit gesagt

HS

(empört, wütend, aber auch etwas unsicher) Woher wollen Sie das wissen?

RW

Nun mal ganz ruhig. Wenn Sie schon als Geist hier auftreten, dann wissen Sie doch ganz genau, woher ich das weiß. Als Leiter des weltweit einzigen Schliemann-Museums in Ankershagen, (mit ausdrücklicher Betonung) einem Forschungszentrum über Ihre Person und Ihr Werk, muss ich das sogar wissen.

HS

Sie meinen, beim Vergleich meiner gedruckten Schriften mit meinen ungedruckten Sachen, die in meinem Nachlass liegen, wurden viele Unstimmigkeiten entdeckt?

RW

Genau das meine ich! Wenn Sie uns schon 80.000 Briefe von Ihrer Hand und Ihren Briefpartnern, 18 Reisetagebücher, Geschäftsbücher, Hotelrechnungen - und und und - hinterlassen, in denen nicht drinsteht, dass Sie als Kind schon davon geträumt hätten, einmal Troja auszugraben, in denen nicht steht, dass Sie als noch unbekannter Mann von amerikanischen Präsidenten empfangen wurden - all das haben Sie ja behauptet -, durch die wir aber erfahren, dass Sie nicht 1850 sondern erst 1869 amerikanischer Staatsbürger wurden und dass Ihre zweite Frau, die junge Griechin Sophia Engastromenos, nicht beim Auffinden des von Ihnen so genannten Schatzes des Priamos dabei war. - Diese Liste könnte ich noch fortsetzen, ersparen Sie mir das.

HS

(zwischen Wut und Verzweiflung hin- und hergerissen) O hätte ich die Sachen doch vor meinem Tode vernichtet! Nun liegen Sie in der Athener Gennadeios-Bibliothek und zur Hälfte in Kopie bei Ihnen, in meinem Ankershagen, das wie ein Geburtsort für mich ist, denn als wir, meine Eltern, meine Geschwister und ich, Neubukow verließen, war ich gerade einmal 1 1/2 Jahre alt. - O welche Schande!

RW

Nein, Herr Schliemann, eine Schande ist es nicht. Wir Schliemannforscher können aber nicht verstehen, wieso Sie Ihr ohnehin schon spannendes Leben noch mit erloge-nen Geschichten würzen mussten. Das wäre wahrlich nicht nötig gewesen. Doch wir ehren Sie in Ankershagen ja nicht als Baron Münchhausen oder zweiten Rothschild, sondern wir ehren Sie u. a. als einen Mitbegründer der Spatenwissenschaft.

HS

(freudig) Da bin ich also doch weiterhin der Entdecker von vorklassischen und zum Teil vorgriechischen Kulturen in der Türkei und in Griechenland?

RW

Ja, das sind Sie. Und Ihre Verdienste für die Altertumswissenschaft überwiegen Ihre menschlichen Schwächen.

HS

Dann wird anerkannt, dass ich mit als erster die Keramikfunde als Datierungshilfe benutzte, die Naturwissenschaften, die damals noch junge Fotografie und vieles andere in meine Forschungen miteinbezog?

RW

Ja, Herr Schliemann. Entschuldigen Sie, Herr Doktor Schliemann.

HS

(jovial) Na, nun lassen Sie mal den akademischen Titel beiseite.

RW

Herr Schliemann, ich kann Ihnen versichern, dass Sie auch heute noch als ein berühmter Ausgräber gelten, auf den ganz Mecklenburg - Ihre Heimat - mächtig stolz ist. Nun finden Sie Ruhe. In Ankershagen ist Ihr Werk, glauben Sie mir das bitte, gut aufgehoben.

(HS und RW verabschieden sich schweigend mit Handschlag, HS tritt ab)

Dr. Reinhard Witte, Ankershagen

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Reinhold Schäfer, Dr. Witte (v.l.n.r.)