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Laudatio für Herrn Dr. Wilfried Bölke

aus Anlass seines 65. Geburtstages und der damit verbundenen Verabschiedung als Leiter des Heinrich-Schliemann-Museums Ankershagen

Der Vorstand der Heinrich-Schliemann-Gesellschaft e. V. und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Heinrich-Schliemann-Museums Ankershagen verabschieden heute Herrn Dr. Wilfried Bölke als Leiter dieser seit langem international bekannten Gedenk- und Forschungsstätte. Damit verbunden ist ein nochmaliger herzlicher Glückwunsch zum 65. Geburtstag an den hier zu Ehrenden. Mir ist die Aufgabe zugefallen, die Laudatio zu halten. Dieser Aufgabe stelle ich mich mit großer Freude, wohl wissend, dass sie auch viele Gefahren in sich birgt. Seit fast 17 Jahren darf ich das Leben Wilfried Bölkes und seine großartige Arbeit in "seinem" Museum ein gutes Stück mit begleiten. Zwischen uns entwickelte sich bald eine freundschaftliche Beziehung, eine enge kollegiale Zusammenarbeit. Hierin liegt meine Freude begründet. Die Gefahren sind vielfältig. Überblickt man auch nur einigermaßen das bisherige Lebenswerk Dr. Bölkes und denkt daran, dieses in einer gebotenen Kürze zu würdigen, so weiß man sofort, dass es heißt, auszuwählen. Und das wiederum heißt, gewichten und auslassen. Auslassen von Erfolgen, auslassen von der Namensnennung helfender Personen, deren ein erfolgreicher Mensch in großer Anzahl immer bedarf. Die Kürze der Schilderung wiederum verdeckt manche Schweiß treibende Arbeit, manchen zähen Kampf, um die gewünschten und im folgenden genannten Resultate zu erzielen.

Dr. Wilfried Bölke wurde am 10. März 1938 in Schlawe (Pommern) geboren. In Potsdam besuchte er die Schule und schloss sie mit dem Abitur im Jahre 1956 ab. Von 1957 bis 1963 studierte Bölke Landwirtschaft an der Martin-Luther-Universität Halle/Saale. Danach war er bis 1985 wissenschaftlicher Mitarbeiter in einem staatlichen Saatzuchtbetrieb in Bocksee. Fast genau in der Mitte dieser Tätigkeit, im Jahre 1974, promovierte er zum Dr. agr. an der Universität Rostock.

Bereits neben seiner wissenschaftlichen Forschungstätigkeit auf dem Gebiet der Saatgutproduktion und Pflanzenzüchtung beschäftigte sich Wilfried Bölke früh mit dem Leben und Wirken des berühmten Ausgräbers Heinrich Schliemann, der ja nur wenige Kilometer von Bölkes Arbeits- und Wohnort entfernt acht Jahre seiner prägenden Kindheit verbracht hatte. Dass dessen Andenken in Ankershagen und Umgebung so ganz in Vergessenheit geriet, die Bauten des ehemaligen Pfarrgeländes verfielen, der Pfarrgarten nicht mehr erkennbar, das Silberschälchen versiegt war, schmerzte auch unseren promovierten Landwirt. Engagierte Bürger des Kreises Waren konnten und wollten sich mit dieser Situation nicht abfinden. So kam es im Jahre 1978 zur Gründung eines Schliemann-Beirates, deren ehrenamtliche Leitung Wilfried Bölke übernahm. Das war - und das sollten wir uns einmal hier in aller Ruhe vor Augen führen - vor fast genau 25 Jahren! Was lässt sich nicht alles in einem Vierteljahrhundert friedlicher und kontinuierlicher Arbeit schaffen! Und was wurde in diesem vergangenen Vierteljahrhundert nicht alles geschaffen! Wir brauchen doch nur hier, am Platz, wo der spätere Forscher der troianischen und mykenischen Kulturen aufwuchs, unsere Blicke umherschweifen lassen, und weitere Worte der Würdigung könnten verstummen. Das Geschaffene spricht für sich.

Dieser (man muss wohl hier auch anführen: staatlich genehmigte) Schliemann-Beirat hatte sich die Bewahrung des Erbes Heinrich Schliemanns zur Aufgabe gestellt. Bereits zwei Jahre später konnte am 19. Dezember 1980 in zwei kleinen Räumen des Pfarrhauses eine Schliemann-Gedenkstätte eröffnet werden. Das Drehbuch für diese erste Ausstellung schrieb Eberhard Wilzki, zu jener Zeit noch am agrarhistorischen Museum in Alt Schwerin beschäftigt. Mitinitiator und ehrenamtlicher Leiter dieser noch sehr bescheidenen Einrichtung war Wilfried Bölke, der dann seit dem 1. Januar 1986 die hauptamtliche Leitung der nunmehr Museum genannten Gedenkstätte übernahm, und diese bis zum heutigen Tag mit Freude, Energie, Kompetenz, Weisheit und einer Portion Schlitzohrigkeit, die wir ja auch vom Namenspatron des Museums kennen, und die wohl auch für so manchen sichtbaren Erfolg nötig war, bestritt. Unter seiner Ägide wurde aus einer kleinen Schliemann-Gedenkstätte ein großes, weithin bekanntes und geachtetes Schliemann-Museum. Lassen wir in dieser Laudatio jetzt nur nackte Tatsachen sprechen, so ergibt sich folgendes Bild:

Unter dem Direktorat von Wilfried Bölke, das vom 1. Januar 1986 bis zum 31. März 2003 dauerte - welch bemerkenswert lange Zeit, die Visionen erst zur Erfüllung bringen können! - wurde das in seiner Substanz gefährdete Pfarrhaus, das Elternhaus Schliemanns also, gerettet und in zwei Jahren (von 1996 bis 1998) mit knapp über einer Million DM, die Bund, Land und Kreis zur Verfügung stellten, von Grund auf saniert. Fast alle Räume des Erdgeschosses beherbergen nun die neue, von Bölke konzipierte Dauerausstellung zu Leben und Werk Heinrich Schliemanns und zu dessen Bild in der modernen Forschung. Das Obergeschoss bietet Platz für stets beachtenswerte, sich nach neuesten Forschungsergebnissen richtende Sonderausstellungen, die zumeist mit Hilfe von Undine Haase entstanden. Mit dem Wiederaufbau des gesamten ehemaligen Stallgebäudes bekam das Museum und die Heinrich-Schliemann-Gesellschaft, die dazu auch selbst eine beträchtliche Summe zur Verfügung stellte, einen modern ausgerüsteten Vortrags- und Versammlungsraum, in dem seit Juni 2001 schon manche interessante Veranstaltung stattgefunden hat. Unter der Leitung von Wilfried Bölke wurde weiterhin eine Bibliothek und ein Autographenarchiv im Hause geschaffen. Beides genügt höchsten Ansprüchen. Beweis dafür ist der von Gerhard Pohlan geschaffene dicke Bibliothekskatalog und die enge Kooperation zwischen Museum und Gesellschaft mit der Gennadeios-Bibliothek in Athen, bekanntlich der Hauptort des gewaltigen Schliemann-Nachlasses. Bibliotheks- und Archivbestände liegen elektronisch aufbereitet vor, auf jenem modernen Feld, dass Dr. Bölke nur mit Hilfe anderer bestellen konnte. Mitstreiter suchte und fand er auch bei der Ausrichtung von sieben wissenschaftlichen Kolloquien, die viele neue Erkenntnisse über Leben und Werk Schliemanns und darüber hinaus brachten: "Heinrich Schliemann und Rudolf Virchow" (1985), "Heinrich Schliemann und seine Beziehungen zu Mecklenburg und Rußland" (1990), "Heinrich Schliemann und Wilhelm Dörpfeld" (1992), "Heinrich Schliemann und Rußland" (1994), "Heinrich Schliemann und Griechenland" (1996), "Heinrich Schliemann zum 175. Geburtstag. Forschungsprobleme und neue Informationen über sein Leben und Werk" (1997) und "Heinrich Schliemann - Begründer der Wissenschaft vom Spaten?" (2001).

Bevor ich mich vom Museumsmann dem Forscher Bölke zuwende, eine eigentlich unsinnige Trennung, muss ich an dieser Stelle noch etwas Selbstverständliches sagen: Dem Direktor lag stets das Wohl seiner Besucherinnen und Besucher sowie die Erhöhung der Besucherzahlen des Museums am Herzen. Das zeigen attraktive und gern angenommene Veranstaltungen während der Ankershagener Museumstage (mittlerweile sechs an der Zahl), an den Tagen des offenen Denkmals oder die Kinder- und Jugendarbeit im Museum. Ein großer Coup gelang ihm 1996 mit der Errichtung eines "Troianischen Pferdes", das nicht nur Kinderherzen höher schlagen lässt. Es lockt ganz einfach Besucher an.

Angelockt werden aber Besucherinnen und Besucher aus allen Winkeln der Erde vor allem durch die Ausstrahlung des Museums und durch die stetige Präsenz der Reizworte "Schliemann", "Troia", "Homer", "Beutekunst", "Schatz des Priamos" usw. in den Massenmedien, wobei das Internet, in dem das Schliemann-Museum würdig vertreten ist, eine bedeutende Rolle spielt. Ich benutzte soeben den Begriff "Reizworte". Ich muss wohl nicht darauf hinweisen, das Worte auch ihren Reiz verlieren können, wenn sich hinter ihnen nicht ein stets auf dem neuesten Stand befindlicher Inhalt verbirgt, der durch Recherchen, durch Nachforschungen gewonnen wird. Dr. Wilfried Bölke wusste und weiß das.

Innerhalb seiner sehr intensiven Forschungen zu Leben und Werk Heinrich Schliemanns legte und legt er besonderes Gewicht auf die Untersuchung von dessen Beziehungen zu seiner mecklenburgischen Heimat. In diesem Schwerpunkt ist unser heute zu Ehrender konkurrenzlos. Als Beweis dafür nenne ich nur seine beiden gewichtigen Monographien aus den Jahren 1988 und 1996: "Heinrich Schliemann und Ankershagen. Heimat, Kindheit und Elternhaus" (erschienen als zweites Heft der "Mitteilungen aus dem Heinrich-Schliemann-Museum Ankershagen") bzw. "Heinrich Schliemann. Ein berühmter Mecklenburger" (erschienen im Demmler Verlag aus Anlass und kurz vor dem 175. Geburtstag des "Vaters der mykenischen Archäologie"). Die genannte Schriftenreihe aus dem Museum wird seit 1987 von Dr. Wilfried Bölke herausgegeben und umfasst mittlerweile sieben Hefte. Dass es noch nicht mehr sind, hat mit der stets schwierigen Finanzierung zu tun.

Alle weiteren Publikationen Bölkes in dieser Laudatio zu nennen, ist nicht möglich. Zahlreiche Aufsätze und Artikel publizierte er in Fach- und populärwissenschaftlichen Zeitschriften sowie in Tageszeitungen. Ich beschränke mich nur auf die wichtigsten: Vor drei Jahren erschien in der Edition Erdmann in Stuttgart "Heinrich Schliemann. Auf den Spuren Homers". Das von Wilfried Bölke herausgegebene Buch enthält vom Herausgeber zusammengestellte Auszüge aus acht Büchern Schliemanns. In kollegialer Zusammenarbeit mit freilich unterschiedlicher Gewichtung der Arbeitsanteile entstanden eine Biographie "Heinrich Schliemann" (zusammen mit Tom Crepon), Berlin 1990 (Verlag Neues Leben), das "Das Heinrich-Schliemann-Lexikon" (zusammen mit Hans Einsle), Bremen und Rostock 1996 (Edition Temmen) und last but not least "Heinrich-Schliemann-Museum Ankershagen/Mecklenburg. Führer durch die ständige Ausstellung" (zusammen mit Reinhard Witte), Ankershagen 2003.

Seine außerordentlichen Leistungen als Museumsdirektor und Schliemannforscher schlugen sich in den Einladungen zu wissenschaftlichen Kongressen - genannt seien hier nur Bad Homburg, Athen, Berlin und Neapel - und zu populärwissenschaftlichen Vorträgen sowie zu Studienreisen nach Griechenland, Russland oder Kalifornien nieder. Auf dem ehemaligen Traumschiff des ZDF, der "MS Berlin", unterhielt er im positiven Sinne des Wortes die verwöhnten Passagiere mit Themen über Schliemann und seine mecklenburgischen Heimat. Bölkes Mitarbeit an Rundfunk- und Fernsehsendungen war oft gefragt. Ich muss gestehen, ich weiß gar nicht, wie viele Auszeichungen Wilfried Bölke insgesamt erhalten hat. Ich weiß aber, wenn ich hier die Schliemann-Medaille der Berliner Akademie der Wissenschaften, die Schliemann-Medaille des Landkreises Müritz, die Friedrich-Lisch-Medaille und den Anneliese-Wagner-Preis nenne, dass das wiederum nur eine Auswahl sein kann.

Es gehört zur Weisheit eines erfolgreichen Menschen, dass er sich rechtzeitig und mit wahren Freunden und Verbündeten umgibt. Das begann in den Anfangsjahren mit einem Kreis von engagierten Mitbürgern wie Eberhard Wilzki und Ulrich Schoknecht, Gerhard Pohlan und Rainer Hilse. Das setzte sich fort in der Zusammenarbeit mit verständigen Vertretern staatlicher Behörden in der DDR, mit einzelnen Wissenschaftlern aus dem In- und Ausland, für die hier wirklich nur stellvertretend genannt seien: Wolfgang Schindler, Georg Korres, William Calder III, oder mit Institutionen wie dem Berliner Akademieinstitut für Alte Geschichte und Archäologie, den Berliner und Rostocker Universitäten oder der Winckelmann-Gesellschaft Stendal, den Deutsch-Griechischen-Gesellschaften oder dem Heinrich-Schliemann-Klub e. V. Neubukow. Mit der Gründung der Heinrich-Schliemann-Gesellschaft e. V. im September 1991 bekamen Dr. Bölke, der seit dieser Zeit zum erweiterten Vorstand dieser Vereinigung gehört, und das Museum einen ganz starken Partner zur Seite. Für das enge Zusammenwirken von Museum und Gesellschaft spricht, dass sie oft als Einheit betrachtet werden, was sie ja nicht sind. Treue Helferinnen und Helfer waren stets seine Museumsmitarbeiter, vor allem Rita Günther, die ihrem Chef oft den Rücken freihielt.

In dem kleinen, abseits vom großstädtischen Verkehr gelegenen Ort Ankershagen soll schon seit Schliemanns Zeiten heftig geträumt worden sein. Geträumt hat unser heute zu Ehrender auch, ob auch während seiner ehrenamtlichen Bürgermeisterzeit von 1990 bis 1992 wage ich hier aber nicht zu beurteilen. Irgendwann wacht man aus seinen schönen Träumen auf, man ist gekräftigt durch erquickenden Schlaf, man sprüht vor Energie, und zur Verwirklichung seines Traumes fehlt eigentlich nur noch eines: etwas Geld, etwas viel Geld sogar. Dieses Hilfsmittel brauchte ja auch Schliemann, denn, wir wissen es: ohne Kaufmann kein Forscher! Gut, wenn es da eine Jost-Reinhold-Stiftung gibt, die seit 1994 manche Träume Wahrheit werden ließ und das Heinrich-Schliemann-Museum mannigfaltig bereicherte, gut, wenn noch viele andere Sponsoren finanziell unter die Arme greifen und schön, wenn man einen guten Draht zu Bund, Land und Kreis hat. Sponsoren und Geldgeber von Visionen und Träumen zu überzeugen, diese Gabe besitzt Wilfried Bölke mehr als ein anderer.

Den schönsten Lohn für alle seine Bemühungen erlebte der langjährige Direktor des Heinrich-Schliemann-Museums Ende 2001 mit der Aufnahme seines Hauses in das "Blaubuch". Hier steht das kleine, aber feine Museum unter den 20 kulturellen Gedächtnisorten der neuen Länder, die historischen Persönlichkeiten gewidmet sind, gleichrangig beispielsweise mit dem Gerhart-Hauptmann-Museum Erkner, dem Ernst-Barlach-Museum Güstrow, dem Robert-Schumann-Haus Zwickau, dem Winckelmann-Museum Stendal und dem Bachhaus Eisenach. Es dürfte wohl niemanden geben, der das nicht als große Ehre und noch größere Verpflichtung begreift.

Lieber Wilfried, ich verspreche Dir als Dein Nachfolger und Freund, dass ich mit meiner ganzen Kraft und mit großer Freude, Dein Lebenswerk, also das was Du geschaffen hast, allen Widrigkeiten einer nur auf Wirtschaftlichkeit bedachten Zeit zum Trotz, bewahren und vergrößern werde. Ich wünsche Dir von ganzem Herzen einen gesunden, schönen und aufregenden Lebensnachmittag im Kreise Deiner lieben Familie. Aus reinem Egoismus rufe ich Dir zu: Bleib dem Heinrich-Schliemann-Museum, der Heinrich-Schliemann-Gesellschaft und mir noch lange erhalten. Steh uns allen mit Deiner Erfahrung, Deinem Rat und Deiner Hilfe weiterhin zur Seite.

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Dr. Wilfried Bölke