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Achilles und Hektor in Tübingen. Der neue Kampf um Troia.
Vortrag von Prof. Dr. Armin Jähne, Berlin


Prof. Manfred Korfmann
(Quelle: Projekt "Troia und die Troas", Tübingen)

"...wir müssen annehmen, dass jener Kriegszug
(der Troianische Krieg - A.J.) alle früheren an Großartigkeit übertroffen habe, hinter den jetzigen (Peloponnesischer Krieg - A.J.) allerdings zurückbleibe. Denn selbst wenn wir Homer, der als Dichter natürlich eher noch etwas übertreibt, auch hier wieder als Zeuge gelten lassen wollen, so hat es damit nicht viel auf sich gehabt."

(Thukydides 1, 10)

Das Ereignis - die Ausstellung "Troia. Traum und Wirklichkeit" - liegt nun schon einige Monate zurück. Sie zog Tausende von Menschen in ihren Bann, brachte ihnen das Faszinosum Troia (nicht erst seit Heinrich Schliemann) auf umfassende Weise nahe und war gleichzeitig Rechenschaftslegung über die gut zehn Jahre währenden Forschungen des von Manfred Korfmann geleiteten internationalen und interdisziplinär arbeitenden Ausgrabungsteams. Sie löste aber auch heftigen, ja geradezu unversöhnlichen Streit aus, führte zu regelrechten Lagerkämpfen, die den Blätterwald der Printmedien zu lautem, unüberhörbaren Rauschen brachten. Die Ausstellung als besonderes Kulturerlebnis und die sich daran knüpfende Kontroverse um einige der neuen Grabungsergebnisse und ihre Deutungen wurden zum doppelten Medienereignis. Der Streit, weil absichtsvoll in die Massenmedien hinein getragen, die sich seiner dankbar bemächtigten und ihn zusätzlich schürten, erhielt dadurch eine neue Dimension. Schon frühzeitig wurden Stimmen laut: "Die Diskussion gehört in die Hörsäle der Uni!" (Anm. 1)

Nun ist es in der Tat üblich, dass derartige Auseinandersetzungen in der Wissenschaft auf den Seiten von Fachzeitschriften ausgetragen werden, sachlich, Argument gegen Argument, durchaus schonungslos, sogar bissig. Das hätte auch in unserem konkreten Falle so sein können, und ist es auch, wie wir noch sehen werden. Auf den ersten Blick schien es, dass der Kritiker, der den Streit vom Zaune brach, der Althistoriker Frank Kolb, an zwei Punkten Anstoß nahm, die in der Ausstellung besonders herausgehoben wurden. Er negierte zum einen die von den Ausgräbern behauptete und, wie sie meinten, archäologisch nachgewiesene Existenz einer größeren und dicht bebauten Unterstadt (und damit das inzwischen gut bekannte Holzmodell des spätbronzezeitlichen Troia VI/VII, das, so Kolb, in klarem Widerspruch zur kärglichen archäologischen Grabungswirklichkeit stehe und lediglich das in wesentlichen Teilen fiktive Troia-Bild Korfmanns wiedergebe). Zum anderen attackierte er dessen These, dass Troia VI (und VII a) ein blühendes bronzezeitliches Handelszentrum gewesen sei, eingebunden in ein weitreichendes Netz von Fernmarktbeziehungen. Kolb rügte vor allem die etwas unglücklich-modernistische, aber dem Zwang purer Anschaulichkeit geschuldete Bezeichnung des spätbronzezeitlichen troianischen Handelsnetzes "als eine Art Hansebund". (Anm. 2) Er machte seinerseits geltend, dass Troia VI und VII "weder eine Handelsmetropole noch überhaupt eine Handelsstadt noch ein Produktionszentrum war" und auch keine große Residenzstadt darstellte, sondern eine drittklassige Siedlung ohne überregionale Bedeutung gewesen sei. (Anm. 3)

Damit war eigentlich eine Problematik umrissen, zu der es ganz offenkundig unterschiedliche methodische Herangehensweisen gab und die diametral gedeutet werden konnte. Eine ruhig geführte, interdisziplinäre Debatte hätte wahrscheinlich genügt, die konträren Standpunkte zu entschärfen, den Kolbschen Angriffen die Rigorosität zu nehmen, klar zutage liegende Missverständnisse auszuräumen und die zu großzügigen Interpretationen bzw. PR-Übertreibungen der Prähistoriker zu minimieren. Auch und gerade der an seine Funde und Befunde gebundene Archäologe kann sich irren. Mehr noch, ihm ist sogar ein Recht auf Fehlinterpretationen zuzugestehen und folgerichtig die Pflicht ihrer schnellstmöglichen Berichtigung abzuverlangen, denn rasch sich verändernde archäologische Sachlagen durch neu Aufgefundenes oder neue methodische Erkenntnisse lassen oft genug Thesengebäude einstürzen, die wissenschaftlich bereits für festgezurrt gehalten wurden.

Aber derartige Diskussionen im engeren Kreis der Spezialisten dauern ihre Zeit. Noch ehe ihre ersten Beiträge das Licht der wissenschaftlichen Öffentlichkeit erblickt hätten, wäre die Troia-Ausstellung längst vorbei gewesen. Außerdem sind die einschlägigen Fachorgane meist nur Eingeweihten in größeren Bibliotheken zugänglich. Das breite Publikum hätte also kaum Kenntnis von dem Streit erhalten. Hinzugekommen wären die Schwierigkeiten, dem von Wissenschaftlern gepflegten Stil zu folgen und die von ihnen gebrauchten Codes zu verstehen.

Der Herausforderer Kolb entschied sich, als er in den akademischen Ring stieg, wenn auch nicht in weiser Voraussicht, so doch in guter Kenntnis der Möglichkeiten, die dieses Medium bot, für die Zeitung (in diesem Falle für die "Berliner Morgenpost"). (Anm. 4) Eine durchaus nicht nur für die gelehrte Zunft, sondern für den kulturell, historisch und geistig interessierten Bürger bestimmte Debatte brach sich daraufhin unaufhaltsam Bahn, vornehmlich durch die Welt der deutschen Tages- und Wochenzeitungen, von Süd nach Nord, von West nach Ost. "Schwäbisches Tageblatt", "Frankfurter Allgemeine Zeitung", "Der Spiegel", "Die Zeit", "Neues Deutschland", "Tagesspiegel", "Focus", "Süddeutsche Zeitung", "Literaturen" etc., sie alle nahmen sich in der einen oder anderen Form der Ausstellung und der Kolb-Korfmann-Kontroverse an. Zum Medienereignis geworden, entwickelte sie von nun an einen gewissen Selbstlauf. Der Presse lag weniger am Ausgleich der Meinungen, sie bevorzugte vielmehr die klare Konfrontation und Frontenbildung. Ihr ging es nicht um das vorsichtige Abwägen der Argumente gegeneinander, nicht um die Aufdeckung der viel komplizierteren Hintergründe des Streits und seine Beilegung. Sie begnügte sich mit der Fixierung konträrer Standpunkte und dem Auf und Ab der für oder wider geäußerten Ansichten, so dass zwar die mit der Ausstellung und der Bewertung der Ergebnisse von Korfmanns Troia-Grabung evident gewordenen Interpretationsprobleme der Faktenlage thematisiert, zugleich aber auch personifiziert wurden. Die Sensation, festgemacht an den zwei Protagonisten des wissenschaftlichen Dissenses, wurde nach vorne gerückt. An die Stelle der Enträtselung auf dem Wege der Analyse der kleineren und klareren Probleme (u.a. der Fund des luwisch beschrifteten Siegels) trat die Verrätselung dessen, was Archäologie und althistorische Forschung zu leisten vermag und wo in der spezifischen Beziehung der jeweiligen Fachdisziplin zum dokumentierten archäologischen Faktenstand ihre methodischen Grenzen liegen (beispielsweise in der so strittigen Frage des Handels). Natürlich haben sich die Zeitungen auch der technizistisch-naturwissenschaftlichen Komponente moderner Ausgrabungsarbeit zugewandt, meist im positiven Sinne hinsichtlich der beschafften exakten, quasi Beweiskraft besitzenden Daten, ohne jedoch auf die Gefahren ihrer einseitigen oder falsifizierenden Deutung aufmerksam zu machen.

An der Personifizierung der Troia-Kontroverse, an der Bindung des Streits an einzelne, vornehmlich die beiden Personen Kolb und Korfmann, und an der Polarisierung der Meinungen war der Auslöser der Debatte, Frank Kolb, nicht ganz unschuldig. Als er, seinen Zorn leider auf die Spitze treibend, auf anstößige Weise Korfmann als Phantasten und einen " 'Däniken' der Archäologie" bezeichnete, (Anm. 5) ihm "Irreführung der Öffentlichkeit" und eine wissenschaftlich zweifelhafte Vorgehensweise vorwarf, waren das Unterstellungen, die, wie ein juristisch gebildeter Kollege aus Konstanz bekannte, bereits den Charakter von Verbalinjurien trugen. (Anm. 6) Korfmann, der bis dahin hätte Diskussionspartner bleiben können, wurde so zum unerbittlichen Kontrahenten, der nun sowohl seine Grabungsergebnisse als auch die Integrität seiner Persönlichkeit und als Wissenschaftler zu verteidigen hatte.

Die Fronten verhärteten sich zusehends, so dass schließlich der Dienstherr der beiden Professoren und Kampfhähne, der Rektor der Tübinger Karls-Universität, schlichtend eingreifen mußte. Die im November 2001 in seinem Beisein erfolgte Rücknahme der Beleidigungen, auf der Korfmann verständlicherweise bestanden hatte, machte den Weg frei für das öffentliche Symposion "Die Bedeutung Trojas in der späten Bronzezeit", von dem man sich eine Klärung der Standpunkte, sicher keine Versöhnung von Kolb und Korfmann, aber eine Beilegung des wissenschaftlichen wie persönlichen Konflikts erhoffte. Das Symposion fand am 15./16. Februar 2002 in der Neuen Aula der Tübinger Universität, im überfüllten Audimax, statt, unter starker Anteilnahme der wissenschaftlichen und der breiten Öffentlichkeit.

Es wäre falsch, behaupten zu wollen, dass die Bevölkerung Tübingens am inneruniversitären und landesweiten Streit zweier in ihrer Stadt lebenden und wirkenden Professoren besonderen Anteil genommen und auf die Tage des Symposions als quasi Schlusspunkt der Auseinandersetzung mit Ungeduld gewartet hätte. Es wäre aber genauso falsch, ihr völlige Gleichgültigkeit vorzuwerfen. Am Abend vor dem Symposion, um eine kleine Situationsbeschreibung zu geben, hatte ich in der Tübinger Hafengasse das wundersame, übervolle Antiquariat von Thomas Leon Heck besucht. Um mein Stöbern in den Regalen irgendwie zu motivieren, fragte ich nach Büchern von oder über Heinrich Schliemann. Die Antwort des Antiquars war abschlägig, aber ihr folgte der Zusatz: "Nehmen Sie auch an der morgigen Tagung zum Troia-Streit zwischen Kolb und Korfmann teil?", und ich wurde gefragt, auf wessen Seite ich denn stünde. Der Passant, den ich dann nach der Wilhelmstraße fragte, wies mir nicht nur den Weg, sondern wußte auch gleich, dass ich die "Neue Aula" suchte, wo es, wie er sagte, "um Troia gehen" werde. Einige der Buchläden schienen sich seit längerem schon auf das Ereignis eingestellt zu haben, denn ihre Auslagen waren stark auf die Troia-Problematik zugeschnitten.

Das Auditorium maximum, die eigentliche Kampfarena, war an beiden Tagen brechend voll. Glücklicherweise waren die ersten Sitzreihen den unmittelbaren Spezialisten, Gästen und potentiellen Diskussionsrednern vorbehalten. Ansonsten füllten Studenten, Mitarbeiter der Universität, Medienvertreter und interessierte Tübinger den Saal und die Galerie. Sie saßen auf Fensterbrettern, Treppenstufen und eilig herbeigeschafften Stühlen. Vorne, am langen und erhöhten Pult, drängten sich beidseits die unmittelbaren Combattanten von Kolb-Achilles und Korfmann-Hektor, immer auf dem Sprung, in die Debatte einzugreifen, sobald einer der Redner des gegnerischen Lagers seine Ausführungen beendet hatte. Für diejenigen, die ohne Platz geblieben waren, wurde das Symposion in einen Nebensaal übertragen.

Eröffnet wurde die Veranstaltung durch den Rektor der Karls-Universität, der bedauerte, dass die großartige Troia-Ausstellung so dramatische Folgen gezeitigt habe, aber andererseits sei Troia verstehbarer gemacht worden, eine Feststellung, die sicherlich zu hinterfragen wäre. Er tadelte den atypischen Charakter des über den universitären Diskurs hinausgegangenen Streits, der sehr ins Persönliche abgeglitten sei, und das von der Presse beförderte Lagerdenken. Der Rektor gab seiner Hoffnung auf eine ernsthafte wissenschaftliche Diskussion Ausdruck, erwartete Erkenntnisfortschritte in der Sache und atmosphärische Entspannung im Verhältnis der Gegner. Den beiden Moderatoren, einem Orientalisten (Richard Kannicht) und einem Gräzisten (Wolfgang Röllig), wünschte er Verhandlungsgeschick und diplomatische Fähigkeiten.

Zuerst referierten die Archäologen, dann die Altorientalisten, Althistoriker und Homerforscher, und abermals prallten die Meinungen recht unversöhnlich aufeinander. Versuche, einen Ausgleich der Standpunkte herzustellen oder anzustreben, waren selten. Korfmann machte den Anfang und gab "Antwort auf die primären Anwürfe". Er beharrte auf dem Stadtcharakter von Troia VI/VII, war jedoch bereit, den Begriff der Metropole zurückzunehmen, ebenso den Vergleich des von ihm angenommenen troianisch dominierten Handelsnetzes mit der Hanse. Keinesfalls jedoch sei dieses Troia eine drittrangige, regional unbedeutende Siedlung gewesen, denn mit Drittklassigen hätten die Hethiter keine Verträge abgeschlossen. In diesem Zusammenhang betonte er nochmals die Einbettung Troias in einen größeren Kulturenkomplex. Korfmann blieb dabei, dass der Handel eine wichtige Rolle in der politischen wie sozialen Existenz des spätbronzezeitlichen Troia gespielt habe. Bedauerlicherweise widerlegte er nicht die Gegenargumente Dieter Hertels (die Zeit war zu kurz), den er in dieser Frage vorschnell für nicht ausreichend kompetent erklärte. Das gute Recht Korfmanns war es, daran zu erinnern, dass seit 1991 alljährlich auf Konferenzen und in den Bänden der Studia Troica (Band 1, 1991) über die Grabungsarbeit am Hisarlik berichtet wurde. Die internationale wissenschaftliche Gemeinde habe die dort mitgeteilten Ergebnisse, formulierten Hypothesen, Überlegungen und aufgeworfenen Fragen auf unspektakuläre Weise zur Kenntnis genommen und im wissenschaftlichen Verkehr darüber diskutiert.

Kühl und sehr sachlich nahm Peter Jablonka zu einem der Hauptstreitpunkte Stellung, zur "Archäologie der Unterstadt", auf deren Vorhandensein bereits Carl William Blegen in den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts hingewiesen hatte. An Hand von Lichtbildern führte er durch das Gelände, wobei deutlich wurde, dass es bislang zwar genug Belege für die Existenz einer spätbronzezeitlichen Unterstadt gibt, nicht aber für ihre dichte Bebauung. Jablonka rechnete mit einer Einwohnerzahl von etwa 7700 Menschen (eine immer noch beachtliche soziale Größe). Keinen Zweifel ließ er an der Unmöglichkeit, das gesamte Areal der prognostizierten Unterstadt auszugraben, ein Umstand, der den Unterstadt-Skeptikern die Kritik erleichtert. Ein solches Projekt wäre weder finanzierbar, noch von der gegenwärtigen agrarischen Nutzung des Gebiets und den Eigentumsverhältnissen her machbar. Zusätzliche Informationen zum strittigen Problem lieferte sein Ergänzungsvortrag in der Mittagspause.

Dieter Hertel, der über den archäologischen Befund von Burg und Untersiedlung sprach, brachte seine Einwände gegen Korfmanns Vorstellung vom spätbronzezeitlichen Troia als einer "wichtigen Residenz- und Handelsstadt" und "herausragendem Machtfaktor" (Anm. 7) vor. Der spätbronzezeitliche Burgbezirk auf dem Hisarlik sei viel zu klein, nicht konsequent durchorganisiert und nicht multifunktional angelegt. Es fehlten Hinweise auf Magazine, Archive, Bäder und Repräsentationsräume. Für die westliche "Untersiedlung", die Hertel zwar als vorhanden, nicht jedoch als Unterstadt anerkennt, lasse sich - anders als das Ausstellungsmodell es suggeriert - keine Bebauung "dicht an dicht" feststellen, auch müsse ihre Fläche geringer geschätzt werden. Außerdem habe es keine mehr oder weniger mächtige Mauer gegeben, die Troia VI umgürtete. Von Troia als einer Drehscheibe des spätbronzezeitlichen Handels könne keine Rede sein, denn die bisherigen spärlichen Funde reichen für eine solche Schlussfolgerung nicht aus, und allein der Hinweis auf die exponierte Lage des Ortes am Hellespont genüge nicht, um Troia in den Rang eines Handelszentrums zu erheben. Alt-Smyrna und Kyme, so Hertel, die ebenfalls günstig lagen, waren deshalb - zwischen 1000 und 800 v. Chr. - noch keine Handelszentren. Er plädierte ferner dafür, den Begriff der Hochkultur im Zusammenhang mit dem spätbronzezeitlichen Troia nicht mehr zu verwenden.

Hier sollte ein ausgesprochen unerfreulicher Vorgang Erwähnung finden: die höchst ärgerliche Vorführung Hertels durch den Hethitologen Frank Starke. Er hatte eine hethitische Inschrift an die Wand projizieren lassen und dann Hertel gefragt, ob er sie lesen bzw. verstehen könne, was dieser verneinte. Nun, ein Prähistoriker oder ein Althistoriker (griechisch-römische Antike) müssen nicht unbedingt des Hethitischen oder einer anderen Keilschrift mächtig sein, aber sie sollten sich auf die Forschungen des anderen Spezialisten verlassen können. Auch das ist Interdisziplinarität. Das Beispiel selbst zeigt den oftmals unsensiblen, wenig zimperlichen Umgang der Kolbianer und Korfmannianer miteinander.

Kolb entwickelte in seinem blendenden, argumentativ gut untersetzten Vortrag noch einmal seinen Standpunkt. Er unterstrich erneut, dass Troia im spätbronzeitlichen Handel keine große Rolle spielte, ein irgendwie ins Gewicht fallender Schwarzmeerhandel ausgeschlossen war, der Anteil importierter Tonware eher gegen Null tendierte und die Hethiter keinen Handelsplatz Troia kannten. Eine Siedlung mit gut 1000 Einwohnern könne einfach nicht die Basis für ein spezialisiertes Handwerk und einen bedeutsamen Handel sein. Er räumte aber ein, dass der Ort an den Ägäis- und Levantehandel angebunden war, mehr nicht. Das Gegenstück zu Troia sah er in der syrischen Küstenstadt Ugarit, einem in jeder Hinsicht kosmopolitischen Handels- und Produktionszentrum. Kolb hielt an seiner die Größe und Bedeutung Troias abwertenden Meinung fest und verstieg sich in der Diskussion zu der Buh-Rufe provozierenden, und nur sein eigenes Ansehen schädigenden Aussage, Korfmann ginge nicht auf seine Argumente ein, "weil er offenbar ein nichtwissenschaftliches Anliegen verfolge". (Anm. 8)

Die Bilanz, die man nach dem langen, heftigen Streit und dem Tübinger Symposion ziehen kann, ist ernüchternd und - bei Lichte besehen - sogar frustrierend. Folgende Ergebnisse sind zu fixieren:

1. Die Gleichsetzung des aus hethitischen Texten bekannten Wilusa mit Wilios/Ilios/Troia, das sich dadurch in den Schriftquellen des Hethiterreiches wiederfindet und - ein Glücksumstand - auch von deren Warte aus zu beurteilen ist, hat weitgehend als gesichert zu gelten.

2. Für Troia ist über die Nordägäis hinaus ein viel breiterer kleinasiatisch-anatolischer Kulturhorizont geltend zu machen (möglicherweise mit Beziehungen bis hin zu Mesopotamien und Nordsyrien).

3. Die Existenz eines größeren suburbium, einer Vor- oder Unterstadt, kann nicht mehr geleugnet werden, wenngleich ihr Areal weniger dicht bebaut war und sehr wahrscheinlich Flächen agrarisch-gärtnerischer Nutzung einschloss. Für die Unterstadt sprechen die dort aufgefundenen Baureste, darunter von Steinhäusern und einer gepflasterten Straße, Artefakte des Alltagslebens, insbesondere jedoch die magnetometrischen Messungen, die an vielen Stellen spätbronzezeitliche Bebauung anzeigen. Der mit großem Aufwand in den Fels eingetiefte Graben besaß offenbar eine Dreifachfunktion: die der Begrenzung (eine durchaus sinnvolle Zweckbestimmung), die der Entwässerung (ebenfalls sehr zweckmäßig) und die einer zeitweiligen Verteidigungslinie, wenn Gefahr drohte (zu aktivieren als Teil der Vorfeldsicherung).

4. Zwar lässt sich aus den bisherigen Befunden nicht schlüssig nachweisen, dass Troia VI/VII in einem weitreichenden Netz von Handelsverbindungen die Position einer Metropole einnahm (vor alle war es keine Metropole orientalischen Typs, vergleichbar mit dem hethitischen Hattuscha), dennoch bleibt die Tatsache, dass sich der geopolitisch günstig oder ungünstig (je nach Sichtweise) gelegene Herrensitz Troia im Laufe des 2. Jt. v. Chr. zu einem regional bedeutsamen Herrschersitz mit städtischer Struktur entwickelte. Die Grundlage seiner politischen Existenz bildeten offenbar eine ertragreiche Feld- und Viehwirtschaft (was Kolb auch anerkennt) (Anm. 9) und ein bereits spezialisiertes Handwerk.

5. Aus dem Streit von Achill und Hektor in Tübingen, aus dem neuen Troianischen Krieg, dessen Protagonisten sie sind, ergibt sich eine weitere und nachdenkenswerte Schlussfolgerung. Dort, wo das Kampffeld nur noch durch die Sehschlitze des herabgelassen Visiers betrachtet wird, verengt sich der Gesichtskreis. Man übersieht Zusammenhänge und bleibt zu sehr auf einen Gegner oder Einzelheiten fixiert. Wenn Kolb den von Korfmann gebrauchten und der Anschaulichkeit geschuldeten Vergleich eines spätbronzezeitlichen Handelsnetzes um Troia mit dem Hansebund moniert, so ist das kleinlich (er hätte sich ohne Probleme als unglückliche Formulierung zurücknehmen lassen). Was die komplizierte Frage des Handels betrifft, wird man nicht fehlgehen in der Annahme, dass Troia im 3. wie 2. Jahrtausend in ein Netz weitreichender Handelsverbindungen eingebunden bzw. an dieses Netz angeschlossen war, egal ob mehr über den Zwischenhandel und weniger den direkten Fernhandel. Das auf den ersten Blick nicht sonderlich aufschlussreiche und vielleicht zu schnellen Schlüssen verleitende Fundmaterial sollte im Sinne von pro und contra weiter hinterfragt werden. Dabei gilt, dass Korfmanns Argumente für Troias Handel und Kolbs wie Hertels Einwände dagegen nicht einfach summarisch abzuschmettern, sondern im Einzelnen zu widerlegen sind. Noch wissen wir über den spätbronzezeitlichen Handel in Kleinasien, in der Nordägäis, dem Balkan- und Schwarzmeerraum oder über die Lage und Stellung der Kaufleute zu wenig, denn die diesbezügliche Quellensituation bleibt nach wie vor dürftig. Andererseits existieren babylonische, assyrische und hethitische Gesetzessammlungen mit wertvollen Informationen über die Händler und ihr Geschäftsgebahren. Hinzu kommen einzelne aufgefundene Handelsgüter, an Hand derer sich exemplarisch und modellhaft Aufschlüsse über Rohstoffbeschaffung und Ver- bzw. Bearbeitungsstechnologien gewinnen lassen (z.B. Waffen oder die in das 3. Jt. v. Chr. gehörenden Schatzfunde aus Troia).

6. Ein Gutes hatte die Kolb-Korfmann-Kontroverse doch: Der Blick auf Troia ist direkter geworden, und als Quintessenz zeigt sich, dass die Grabung mit alt-neuer Intensität fortgesetzt werden muss, denn die Erde am Hisarlik dürfte noch manche Überraschung bergen. Wilhelm von Humboldt schrieb 1821: "Das Geschehene ist nur zum Teil der Sinnenwelt sichtbar, das Übrige muss hinzu empfunden, geschlossen, erraten werden". Dabei sind Irrtümer möglich. Der Prähistoriker entdeckt Neues, dokumentiert und interpretiert es, schießt über das Ziel hinaus und täuscht sich vielleicht. Der Althistoriker hinterfragt, übt sich in Skepsis, hat möglicherweise Recht oder folgt ebenso einer falschen Fährte, denn auch er ist nicht im Besitze der Wahrheit. Missverständnisse, Zweifel, Fehleinschätzungen, Kontroversen lassen sich jedoch im fairen wissenschaftlichen Diskurs klären. Aus dem Disput über Hypothesen wird festes Wissen, ergeben sich zumindest plausible Erklärungen. Zugleich wird manches größere oder kleinere Rätsel gelöst - im Interesse der großen Sache Troia.

Angesichts des mit spitzer Klinge und scharfem Hieb ausgefochtenen neuerlichen Streits um Troia ist mit Recht zu fragen, ob sich diese Auseinandersetzung tatsächlich nur um die Unterstadt von Troia VI/VII und das konträr gesehene Problem einer an den Handel geknüpften troianischen Hochkultur drehte. Welche Motive stecken möglicherweise noch hinter dem Zwist um die Troia-Ausstellung und das bronzezeitliche Troia?

Zu vermuten ist erstens ein persönliches Motiv. Hätte es die Troia-Ausstellung nicht gegeben, wären nicht ihre außergewöhnliche Präsentation und das gewaltige Publikumsinteresse gewesen, würden wir uns heute nicht mit der Kolb-Korfmann-Kontroverse zu befassen haben. Dass die Ausstellung Kritiker auf den Plan rief, war nichts Ungewöhnliches, doch ihr noch in Stuttgart großer Erfolg weckte wohl auch Missgunst - mit den bekannten Folgen. Der Leiter des Troia-Ausgrabungsteams, der einer der Initiatoren der Ausstellung war, sollte diskreditiert werden, sein Ruf Schaden leiden und seine wissenschaftliche Integrität in Frage gestellt werden. Wie sonst sind der lauthals vorgetragene Vorwurf, Korfmann wolle die Öffentlichkeit in die Irre führen, und die Unterstellung, er verfolge mit seiner Argumentation pro Troia und pro Homer "offenbar ein nichtwissenschaftliches Anliegen", oder der Tadel, sein Versuch, "Troia einerseits zu einer internationalen Handelsmetropole", andererseits zu einem rein anatolischen Ort zu stilisieren, sei "politisch motiviert", zu erklären?

Zugleich sollte wohl der wissenschaftliche Nutzen der bereits ins zweite Jahrzehnt gegangenen neuen Troia-Grabung in Zweifel gezogen werden. Lohnt es denn überhaupt noch - nach Schliemann, Dörpfeld und Blegen - der an Homer gebundenen Troia-Fiktion abermals ein solch großes Grabungsunternehmen zu widmen? Welche weiteren, grundlegend neuen Erkenntnisse sind an einem welthistorisch unbedeutenden, drittklassigen Ort zu erwarten, meinen die Kritiker, wenn die Resultate der nun schon vier Grabungsserien in fast 140 Jahren dürftig genug waren und nicht zu überzeugen vermochten? Ist dann das von Korfmann geleitete internationale archäologische Unternehmen wissenschaftlich, moralisch und volkswirtschaftlich überhaupt noch zu rechtfertigen? Wäre es nicht besser, die dafür aufgewendeten Mittel in ergebnisträchtigere Forschungsbereiche umzuleiten? Der Verdacht drängt sich auf, dass mit der Beschädigung der Person des gegenwärtigen Troia-Ausgräbers auch das wissenschaftliche Projekt selbst abqualifiziert werden sollte?

Drittens verbirgt sich hinter der Frage, ob Troia VI/VII eine größere Regionalmacht und eine Handelsmetropole gewesen sei, das seit gut 200 Jahren diskutierte Problem, inwieweit die Epen Homers über die dichterische Fiktion hinaus eine historische Realität, ein wie immer geartetes Abbild spätbronzezeitlicher Wirklichkeit widerspiegeln, inwieweit sich also aus der Dichtung ein Extrakt tatsächlicher Geschichte herausziehen lässt. Auf den Punkt gebracht heißt das: Besitzen Homers Epen den Charakter und den Wert einer historischen Quelle und in welchem Maße? Die Ausgräber Troias in der vierten Generation hätten sich von diesem Problem ohne Schwierigkeiten lösen können, denn sie analysieren nicht Schriftdenkmäler, sondern arbeiten in der Regel mit stummen, auf der Grundlage solider Grabungstechnik gewonnenen Bodenfunden. Troia-Archäologie kann auch ohne Homer auskommen, denn sie braucht sich nur auf das aus der Erde geholte Material zu konzentrieren, es zu sichten, zu interpretieren und in Zusammenhänge einzuordnen. Der Nachweis der Unterstadt von Troia VI/VII bedarf eigentlich nur des Spatens bzw. moderner Untersuchungsmethoden, nicht jedoch des Zeugnis Homers. Leider konnten weder der Prähistoriker Korfmann noch der Altphilologe Joachim Latacz der Versuchung widerstehen, die beachtlichen Grabungsergebnisse der letzten 10/11 Jahre in einen direkten Bezug zu Homer zu setzen, d.h. den objektiven archäologischen Befund zu einer Wirklichkeit Homers zu machen und in wechselseitiger Wirkung namentlich Homers "Ilias" als Prüfstein für das archäologische Ergebnis zu nutzen. Damit war der alte Streit um Wahrheit und Dichtung bei Homer und um den Troianischen Krieg an das heutige Troia-Projekt geknüpft - und wie schon zu Schliemanns Zeiten - zu neuem Leben erweckt worden.

Ein weiteres, vornehmlich methodisches, hier nur kurz genanntes Problem des Tübinger Gelehrtenstreits besteht offenbar in der für Deutschland vielleicht besonders relevanten Schwäche des interdisziplinären Dialogs zwischen Prähistorikern, Feldarchäologen einerseits und Althistorikern, klassischen Philologen andererseits.

Zum Schluss sei mit Blick auf Troia noch einmal der Historiker Thukydides (1, 10, 2) herangezogen. Würde, so meinte er, Sparta einmal wüst liegen und nur dessen Tempel und kaum noch bauliche Reste übrig sein, wer von den Nachkommen könnte sich dann vorstellen, dass die Macht der Lakedaimonier ihrem Rufe entsprochen habe.

Anmerkungen:

1) M. Siebler in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.08.2001.
2) M. Korfmann, Troia als Drehscheibe des Handels im 2. und 3. vorchristlichen Jahrtausend, in: Troia. Traum und Wirklichkeit (Begleitband), Stuttgart 2001, S. 357.
3) F. Kolb, Ein neuer Troia-Mythos? Traum und Wirklichkeit auf dem Grabungshügel von Hisarlik, in: H.-J. Behr et al. (Hrsg.), Troia - Traum und Wirklichkeit. Ein Mythos in Geschichte und Rezeption (Tagungsband), Braunschweig 2002, S. 30f.
4) Kolbs Interview für die Berliner Morgenpost vom 17.07.2001.
5) F. Kolb im Schwäbischen Tagblatt vom 24.07.2001.
6) W. Schuller in der F.A.Z. vom 12.09.2001; dazu die Antwort von J. Latacz ebenda vom 09.10.2001.
7) M. Korfmann, Der prähistorische Siedlungshügel Hisarlik, in: Troia. Traum und Wirklichkeit (Begleitband), S. 348f.
8) Politische Motive hatte er Korfmann auch in Ein neuer Troia-Mythos?, S. 32 vorgeworfen.
9) F. Kolb, Ein neuer Troia-Mythos?, S. 31.

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