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Interview mit Dr. Reinhard Witte
aus Anlass seines Dienstantritts als Leiter des Heinrich-Schliemann-Museums

Männig: Lieber Herr Dr. Witte, Ihr Vorgänger im Amt des Museumsleiters, Herr Dr. Wilfried Bölke, hat im Ergebnis seiner 25jährigen Tätigkeit eine großartige Bilanz ziehen können. Er hat das Museum als solches begründet und von einer ehrenamtlich geleiteten Gedenkstätte in einem einsturzgefährdeten Pfarrhaus zu einer international anerkannten Memorial- und Forschungsstätte ausgebaut. Das bedeutet für Sie einerseits, dass Sie sich in ein gemachtes Nest setzen können, andererseits sind Sie damit einer enorm hohen Erwartungshaltung ausgesetzt. Ist Ihnen bange davor?

Witte: Nein, überhaupt nicht. Im Gegenteil! Ich freue mich sehr auf diese große Herausforderung. In der Schliemannforschung, die ich seit 1985 betreibe, gibt es ja sowieso keinen Bruch. Einiges muss ich in der Verwaltung eines Museums dazu lernen, um ähnlich erfolgreich zu sein wie mein Vorgänger. Die engagierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die schon Herrn Bölke in seiner Arbeit unterstützten, bleiben mir ja zum Glück erhalten, und ich kann jetzt schon sagen: gewogen. Das ist ein sehr schönes Gefühl, das keine "Angst" aufkommen lässt.

Männig: Bleibt neben dem Sammeln, Bewahren und Präsentieren die wissenschaftliche Forschung fester Bestandteil der Museumsarbeit?

Witte: Vergessen Sie nicht das Interpretieren! Und damit sind wir bei der wissenschaftlichen Forschung, die mit absoluter Sicherheit fester Bestandteil des Heinrich-Schliemann-Museums bleibt. Es sind doch gerade die hier geleistete Forschungsarbeit und die mittlerweile sieben stattgefundenen wissenschaftlichen Kolloquien, die den "Weltruhm" unseres Museums ausmachen. Auch durch diese Art von Ausstrahlung werden "ganz normale" Besucherinnen und Besucher angelockt.

Männig: Die wissenschaftliche Forschung im Ankershagener Museum konzentrierte sich bislang auf Schliemanns Biografie und seine Beziehungen zu Mecklenburg. Ist es vorstellbar, dass unter Ihrer Leitung auch der Archäologe Schliemann stärker in die Forschungsarbeit des Museums Eingang findet? Sie bringen als Historiker und Mykenologe ja die nötigen fachlichen Voraussetzungen mit.

Witte: Es ist nicht nur vorstellbar, es ist m. E. sogar notwendig. Ich möchte aber betonen, dass der Archäologe Schliemann schon bisher die nötige Beachtung im Museum fand. Das sieht jede Besucherin und jeder Besucher sofort, wenn sie ihren Rundgang im Museum beginnen. Da geht es nämlich nicht chronologisch los, sondern es beginnt mit dem "Altertumsforscher und Ausgräber in der Türkei und in Griechenland (1870 bis 1890)", bevor es dann in den nächsten Räumen mit "Kindheit und Jugend in Mecklenburg (1822 bis 1841)" usw. weiter geht. Denn nur weil Heinrich Schliemann ein so erfolgreicher Ausgräber war, kennen wir ihn heute noch, existiert unser Museum. Der steinreiche Kaufmann, der er bekanntlich auch war, wäre sicherlich schon längst vergessen. Mit mir als Leiter wird Schliemann und seine Arbeit aber in Zukunft verstärkt in den Kontext archäologischer Forschungen des 19. Jahrhunderts gestellt. Außerdem schwebt mir vor, Kolloquien zu den troianischen, mykenischen und minoischen Kulturen durchzuführen und auch mehr darüber zu veröffentlichen. Forschungen zur Wissenschaftsgeschichte und Ergebnisse der modernen Archäologie gehören zusammen.

Männig: Welche ist aus Ihrer Sicht die schwierigste Aufgabe, der Sie sich zunächst gegenüber sehen?

Witte: Die Entscheidungsträger des Landkreises Müritz davon zu überzeugen, dass ein Wissenschaftler nicht im Elfenbeinturm sitzt, sondern auch wirtschaftlich denken kann. Ich möchte die Besucherzahlen stetig erhöhen, weiß freilich, wie schwierig das sein wird. Neue Veranstaltungen, neue Konzepte, neue Ideen sollen dabei helfen.

Männig: Welche laufenden Projekte und Vorhaben übernehmen Sie von Dr. Bölke?

Witte: Laufende Projekte im engen Sinn des Wortes gibt es nicht. Wilfried Bölke hat in Zusammenarbeit mit mir gerade ein großartiges Projekt zu Ende geführt: Die Herausgabe eines 136 Seiten starken Museumsführers durch die ständige Ausstellung. Wenn es nicht Eigenwerbung wäre, würde ich laut ausrufen: Leute, kauft Euch den, Ihr werdet es nicht bereuen. - Fortgeführt wird die Herausgabe der "Mitteilungen aus dem Heinrich-Schliemann-Museum", die elektronische Archivierung usw. und natürlich all das, was zur weiteren Verschönerung und Komplettierung des ehemaligen Pfarrgrundstückes dient. Und - ganz, ganz wichtig! - fortgeführt wird die enge Zusammenarbeit mit der Heinrich-Schliemann-Gesellschaft e. V. Außerdem hoffe ich, das darf ich bitte an dieser Stelle auch noch sagen, auf eine ähnlich gute Verbindung zur Jost-Reinhold- und zur Ostdeutschen Sparkassenstiftung u. a., wie sie mein Vorgänger hatte.

Männig: Ist die Sanierung des Museums und des Stallgebäudes abgeschlossen, oder sind weitere Anstrengungen nötig, um die Bausubstanz zu erhalten?

Witte: Im Großen und Ganzen: ja. Es gibt aber durchaus noch dringende Reparaturen an der Treppe zum Dachgeschoss zu machen sowie die Dielen im größten Ausstellungsraum zu erneuern. Da war bisher kein Geld dafür vorhanden. Wir hoffen, dass wir das als "Blaubuch-Museum" nun aus Fördermitteln des Bundes realisieren können.

Männig: Ist die Wiedererrichtung weiterer ehemaliger Gebäude des Pfarrgehöftes vorgesehen? Zur Komplettierung der ursprünglichen Anlage fehlen ja noch die Scheune und das Predigerwitwenhaus.

Witte: Vorgesehen schon, ich hatte ja eben darauf hingewiesen, aber auch hier fehlt es am nötigen Geld. Da aber in Ankershagen schon früher geträumt wurde und hier im Ort Wunder passiert sein sollen, so träume auch ich und hoffe auf Wunder. Freilich bin ich dabei nicht passiv, sondern werde aktiv an die Sache herangehen. Die Scheune wieder aufzubauen ist mein großes Ziel der nächsten Jahre. Hier könnten u. a. Ferienwohnungen entstehen, die in der Vor- und Nachsaison von (Schliemann-)Forschern aus aller Welt genutzt werden könnten, um hier vor Ort in der Bibliothek und im Archiv arbeiten zu können. Wir brauchen aber ganz dringend Hilfe. Sponsoren meldet Euch bitte!!!

Männig: Welche Auswirkungen hat Ihr Dienstantritt in Ankershagen in privater Hinsicht? Werden Sie Ihren Wohnsitz nach Ankershagen bzw. in die nähere Umgebung verlegen?

Witte: So schnell als möglich werde ich meine Hauptwohnung von Berlin nach Waren verlegen. Ich bin kein "Dimido-Professor". Diese nette Umschreibung von Leuten, die sich nur von Dienstag bis Donnerstag an ihrem Arbeitsort sehen lassen und ansonsten im heimatlichen Domizil verweilen, habe ich erst vor kurzem gehört. Ich möchte dort leben, wo ich arbeite. Als Übergangslösung habe ich mir eine Ferienwohnung ganz in der Nähe, in Bocksee, genommen.

Männig: Was wird das Thema Ihrer ersten Sonderausstellung sein?

Witte: Witzigerweise weiß ich das Thema meiner ersten noch nicht, dafür aber das der zweiten. Wilhelm Dörpfelds Geburtstag - er war der engste Mitarbeiter Schliemanns in den 1880er Jahren - jährt sich am 26. Dezember 2003 zum 150. Mal. Das ist eine Sonderausstellung über die Beziehungen beider Männer wert. Ich hoffe natürlich auf Unterstützung durch die Dörpfeld-Spezialisten.

Männig: Wie ist Ihre Position in der Korfmann-Kolb-Kontroverse?

Witte: Viel Lärm um nichts. Beide haben sicher edle Motive. Beide haben wohl aber auch durch den Medienrummel profitiert, z. T. vielleicht gelitten. Lesen Sie den Beitrag von Armin Jähne in dieser Internet-Präsenz! (siehe weiter oben: "Die Korfmann-Kolb-Kontroverse")

Männig: Vielen Dank für das Interview und alles Gute für Ihren Start in Ankershagen!

Witte: Ich danke Ihnen, lieber Herr Männig. Herzlichen Dank auch dafür, dass durch Ihre Arbeit das Heinrich-Schliemann-Museum Ankershagen seit Jahren im Internet so gut vertreten ist.

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Dr. Reinhard Witte